Wahr oder wahrscheinlich, historisch, autobiographisch oder fiktiv?

Wahr oder wahrscheinlich, historisch, autobiographisch oder fiktiv?

 

Gilles Marie Buscot liest aus seiner Novelle „Solist in Verdun“

Gilles Marie Buscot stammt aus Arras in Nordfankreich. Er sei ein „Chti“, sagt er und erzählt aus seinem Leben. Er ist Germanist und Dozent an der Universität Straßburg. Schon seit seiner Jugend war es sein Traum, Schriftsteller zu werden. Dabei haben es ihm schon immer die kleinen Formate wie Chansons oder kurze Geschichten angetan. Von den etwa sieben Novellen, die sich noch „in der Schublade“ befinden, liegt nun eine im Druck vor, die er den Oberstufenklassen auf Einladung der Fachschaft Französisch im Dachstudio des Karlsgymnasiums vorlas. Diese hatten sich durch eigene Lektüre und im Unterricht sprachlich und inhaltlich auf diese besondere Veranstaltung vorbereitet. Buscot stellte die Entstehungsgeschichte des Büchleins vor, das von ihm als Versöhnungsgeschichte konzipiert wurde – mit dem Thema der Versöhnung auf der persönlichen ebenso wie auf der politischen Ebene. Als Inspirationsquellen nannte er Einflüsse aus der Kindheit, Erfahrungen des Großvaters in Verdun und väterliche Strenge, die ihn wohlmeinend in den 60er Jahren in eine deutsche Familie zum Austausch schickte, womit der damals 7-Jährige schlicht überfordert war. Versöhnung, das bedeutet für Buscot auch, dass die Novelle in den Sprachen beider betroffener Länder erscheinen sollte. Daher liegt das Büchlein zweisprachig vor und hat zudem ein Vorwort des bekannten Schriftstellers Philippe Claudel (Prix Goncourt des Lycéens 2007) , das sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, ob das Geschehen in der Geschichte wahr oder wahrscheinlich, fiktiv, historisch oder autobiographisch ist.

 

Wahr oder wahrscheinlich, historisch, autobiographisch oder fiktiv?

Im ersten Teil las der Autor lebhaft, mit mimischer und gestischer Unterstützung vor, was der Protagonist Marcel in seinem Schützengraben in Verdun im ersten Weltkrieg an persönlichen Erfahrungen machte, was ihm durch den Kopf ging, und wie er sich von einem allein im Schlachtfeld stehenden Haus angezogen fühlte. Schließlich erhielt dieser tatsächlich den Befehl, dorthin zu gehen, mit Granaten beladen, um den Standort taktisch auszunützen. Was jedoch in diesem Haus passiert, dient nicht dem Kampf. Es ist eine Umdeutung des Krieges. Denn dort findet er Gegenstände – ein altes Buffet, ein vergilbtes Foto – die ihn allesamt an seine Kindheit erinnern. Vor allem jedoch entdeckt er in der Geborgenheit des Hauses ein altes Klavier. Da er vor dem Krieg als Pianist viele Konzerte gegeben hat, spielt er nun und erweckt seine Vergangenheit zum Leben. Jedes Stück ist wie ein Stein, der ihm vom Herzen fällt. Draußen ist Stille, es gibt keine Kanonenschläge mehr, und er selbst verlässt das Haus leichten Herzens, ohne Angst vor dem Tod. Eine Geschichte mit psychologischem Tiefgang!

Passend zu den einzelnen Szenen wurden musikalische Einschübe – Klavierwerke, die im Buch genannt sind - eingespielt. Der Vortragende las abwechselnd deutsch und französisch – ohne Übergang, ohne Wiederholung. Und hat auch jede Sprache ihre eigene Musik, so war doch kein Unterschied mehr zu hören. Unvermittelt konnte der Zuhörer zwischen den Sprachen hin und her gleiten. Diese Versöhnung auf der sprachlichen Ebene bezieht sich vor allem auf die Versöhnung Marcels mit seiner Vergangenheit, aber ebenso mit der Gegenwart, deren angstschürenden Gefahr er durch die Musik entrinnen konnte. So enthält dieses Büchlein auch eine Botschaft sowohl über die Entstehung als auch die Auswirkung der Kunst im Allgemeinen, die oft inneres Leiden zu heilen vermag.

Buscot antwortete anschließend ausführlich, authentisch und ehrlich auf die Fragen der anwesenden Schülerinnen und Schüler. Er vermittelte ihnen nicht nur seine eigene Freude am Schreiben und Lesen, sondern gab ihnen Botschaften mit auf ihren Lebensweg, Botschaften, die sich in seinem Leben manifestiert hatten: Er wünschte ihnen Geduld mit ihren eigenen Projekten, die vielleicht erst nach langer Zeit realisiert werden können. Und er wünschte ihnen die Vision, vordergründigen Begegnungen sofort die Bedeutung beizumessen, die diese oft erst später in der Rückschau erhalten. Der französische Begriff dafür ist „L’effet papillon“ – Schmetterlingseffekt -, und dieser beinhaltet mehr als das Wort „Zufall“. So kamen die Schüler einerseits in den Genuss einer Vorlesung und erhielten einen Vorgeschmack auf ihr Studium, andererseits konnten sie aus dem Gehörten eine persönliche Bereicherung erfahren. Ein zunächst scheinbar unscheinbares Büchlein war zum Leben erweckt worden.